5. Dezember

Bäckerei“

Sehr früh am nächsten Morgen stand ich vor dem großen schönen Fachwerkhaus mit dem Brezel-Emblem auf violettem Grund. Der Bäckerei von Advenzia. Es war noch dunkel, und warmes Licht schien durch die dicken Scheiben nach draußen. Neugierig presste ich mein Gesicht an eines der dicken Fenster, um einen Blick auf das zu erhaschen, was dahinter lag: Brote und Brötchen in allen Formen und Größen, Brezeln und Laugenstangen neben allerlei süßen Köstlichkeiten, Zimtsterne und Buttergebäck zwischen Nussplätzchen und Christstollen. Und alles war passend zur Vorweihnachtszeit festlich dekoriert. Neben mir bemerkte ich mit einem Mal einen kleinen Jungen, der gleich mir, nur etwa einen halben Meter tiefer, mit den Händen wie Scheuklappen seitlich vom Gesicht an der Scheibe stand und die Auslage bestaunte. Schmunzelnd trat ich zwei Schritte nach hinten und stellte mich zurück in die lange Schlange. Mittlerweile warteten nur noch elf Leute vor mir. Ungeduldig trat ich auf der Stelle hin und her, und rieb gähnend meine behandschuhten Hände aneinander, um mich zu wärmen.

Als ich schlussendlich den kleinen Verkaufsbereich der Backstube betrat, wurde gerade ein junges Pärchen abkassiert, welches kurz darauf freudestrahlend gemeinsam den Laden verließ. In der Hand eine Papiertüte aus welcher es verdächtig nach Anis und Koriander duftete. Das mussten die berühmten advenzianischen Lebkuchen sein! Nachdem der letzte Herr vor mir den Platz an der Theke frei gemacht hatte, begrüßte ich die Frau an der Kasse und bat sie um eine Tüte voll Lebkuchen. Doch oh weh – zu meiner Bestürzung erklärt sie mir, dass sie just eben die letzten Lebkuchen verkauft habe. Wie ärgerlich war mir zumute! Mich erkundigend, was es sich denn sonst lohnen würde zu probieren, mischte sich einer der Bäcker in unser Gespräch ein, welcher soeben aus der Backstube gekommen war.

Unsere Zimtkipferl sind ein echter Knüller, wie ich finde“, riet er mir, „und der Baumkuchen ist ein Traum. Aber sagt, Ihr seid nicht von hier – oder?“.

Während der normale Kundenverkehr weiter abgefertigt wurde, trat ich mit dem Bäcker einen Schritt zur Seite und erklärte ihm, dass ich nur zu Besuch hier sei und auf Erkundungstour durch die Stadt streifen würde, um diese besser kennen zu lernen. Als der Bäcker mich daraufhin fragte, ob ich schon vor den Toren der kleinen Stadt war, verneinte ich. Er riet mir, seinem Freund dem Turmwächter einen Besuch abzustatten, welcher draußen entlang der Stadtmauer arbeiten würde. Er sei ein guter Freund meines Gesprächspartners, und kenne Geschichten über die Stadt wie kein Zweiter. Sicherlich wüsste er viel über Advenzia zu berichten. Da dies nach einer guten Idee klang, erkundigte ich mich nach den Arbeitszeiten seines Freundes, und bekam zur Antwort, dass ich es heute Nacht einmal auf dem Westlichen Wachturm probieren solle. Ich bedankte mich, und war schon im Begriff zu gehen, als er mir mit einer Geste bedeutete zu warten und eilig in der Backstube verschwand. Eine Minute später tauchte er schon wieder auf, diesmal aber mit einer kleinen, duftenden Papiertüte in der Hand. Er lächelte und sprach zu mir:

Die sind gerade erst aus dem Ofen gekommen. Ich hoffe sie schmecken. Bestell‘ meinem Freund schöne Grüße von mir!“