6. Dezember

Stadtmauer”

Ich drehte mich im Halbschlaf in meinem Bett um, und schaute auf den kleinen Wecker, welcher auf meinem Nachttisch stand. Meine Güte – WIE spät war es?? Erschrocken fuhr ich hoch, und schaut noch einmal ungläubig auf die Uhr. Deren Zeiger standen auf kurz nach Mitternacht. Dabei hatte ich nur für ein paar Minuten die Augen zu machen wollen, als mich nach dem Abendbrot die Müdigkeit übermannte. Offenkundlich hatte der Wecker nicht geklingelt, oder ich hatte ihn in einem unachtsamen Moment vergessen überhaupt zu stellen. Verflixt noch eins … wie mich das ärgerte!

Nun denn, es war also bereits der frühe Morgen des sechsten Dezembers, aber nichts desto trotz – der Nachtwächter würde wohl noch auf seinem Platz sein und seine Schicht wahrnehmen. Ich erhob mich also rasch aus meinem Bett, spritzte mir im Badezimmer etwas kaltes Wasser ins Gesicht, und hüllte mich anschließend in meine wärmende Kleidung, um zur nächtlichen Stunde meine Behausung zu verlassen.

Der Wind bließ unbarmerzig über meine stubenwarmen Wangen, und es hatte auch wieder zu schneien begonnen. Um diese Stunde war auf den Straßen niemand mehr unterwegs, den ich nach dem Weg hätte fragen können. Auch die Schankstube im steinernen Krug war zu dieser Zeit nicht mehr besetzt. Zum Glück hatte ich mich bereits am Nachmittag an der Rezeption der Herberge nach dem Wachturm im Westen der Stadt erkundigt, und mir den Weg beschreiben lassen. Dieser Umstand kam mir nun zugute. Somit hatte zumindest einen grobe Ahnung, wohin ich mich bewegte. Doch … wie das so oft ist, sah auch in dieser Nacht im Dunkeln manches anders aus, als bei Tageslicht … und so fand ich mich nach einiger Zeit in einer ganz anderen Ecke der kleinen Stadt wieder. Schlussendlich kam ich an den Rand der Altstadt, und orientierte mich entlang der Stadtmauer, um zu dem Turm zu gelangen, der meines Erachtens der Westturm sein musste. Dort, so dachte ich mir, würde es einen Treppenaufgang geben.

Ich hatte gerade das festlich erleuchtete Gelände der Kirche passiert und war in eine dunkle Seitengasse zwischen zwei Fachwerkhäusern abgebogen, welche der Stadtmauer am nächsten lag, als ich in kurzer Entfernung plötzlich das Geräusch von Schritten vernahm. Im nächsten Moment erkannte ich die Silhouette einer hoch gewachsenen Gestalt, welche wenige Meter vor mir aus einer Öffnung im Gemäuer zu treten schien. Ich erschrak, und wich zurück. Einen kurzen Augenblick herrschte eine beunruhigende Stille. Dann vernahm ich ein Flüstern.

Ruprecht, bist du es?”, fragte eine Männerstimme.

Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Es dauerte einen Moment, bis ich meine Gedanken wieder ordnen konnte und erkannte, dass offenkundlich ich der Adressat dieser Frage gewesen war. Zögerlich und leise verneinte ich. Während ich mein Gegenüber forschend ansah, fuhr dieser jetzt etwas lauter, mit tiefer, verständnisvoller Stimme fort:

Ahh … dann musst du wohl seine Aushilfe sein. Du bist spät dran. Los, komm. Wir haben viel zu tun.”

Meine Augen hatten sich mittlerweile so an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich die Umrisse meines Gegenübers erkennen konnte. Ein paar Meter vor mir stand ein großer, stämmiger Mann, mit langem Bart. Zudem trug er eine Kapuze und einem langem Umhang. Er wollte sich gerade wieder umdrehen, da hielt er noch einmal kurz inne, als wenn ihm etwas eingefallen wäre. Dann lächelte er mir väterlich zu, und reichte mir die behandschuhte Hand zum Gruß, und mit warmer Stimme fügte er hinzu:

,Schön deine Bekanntschaft zu machen. Man nennt mich Nikolaus. Und wie heißt du?”

Ich fühlte mich sofort wohl in der Gegenwart des Mannes, und unwillkürlich kam ich ein paar Schritte auf ihn zu, erwiderte seinen Handschlag und stellte mich ebenfalls vor. Es dauerte einen kurzen Moment, bis der Groschen fiel. Ruprecht … Nikolaus … hmm … DER Nikolaus? Während ich noch seine Hand schüttelte, entfuhr mir ein ungläubiges Lachen. Hier musste eine Verwechslung vorliegen. Zögerlich versuchte ich den Sachverhalt zu klären. Der alte Nikolaus stutzte.

Moment mal – dann bist du gar nicht Ruprechts Vertretung? Himmel … die Verwechslung tut mir leid! Dabei warte ich schon seit fast einer Stunde auf meinen Knecht. Er meinte gestern Abend noch, dass er sich nicht gut fühle, aber er versprach mir eine Vertretung zu organisieren. Wie soll ich es denn jetzt bloß schaffen vor Tageseinbruch diese ganzen Geschenke zu verteilen …?!”

Einen Moment lang herrschte Stille, als der Alte angestrengt nachdachte. Dann wendete er sich an mich.

Könntest du dir vorstellen mir bei meinen Besuchen zu helfen? Es … wäre nur für heute Abend, und du würdest mir und vielen der Kindern von Advenzia einen riesigen Gefallen tun. Ich hoffe du verstehst mich nicht falsch. Ich würde dich nicht fragen, wenn es nicht sehr wichtig wäre.”

Ich ließ mir sein Angebot kurz durch den Kopf gehen, aber schließlich stimmte ich zu. So verwarf ich kurzerhand meine Pläne den Nachtwächter zu besuchen, und entschied mich dazu dem alten Nikolaus bei seinem Vorhaben zu helfen. Dieser freute sich sehr, und strahlte bis über beide Wangen. Und ohne große Umschweife ging es nach einer kurzen Einweisung auch schon los.

Wie ich erst jetzt erkannte, war er vorhin aus einer kleinen Seitengasse getreten, in welcher sich ein großer Schlitten befand. Diesen zog er nun hinaus auf die Straße. Im Licht der Straßenlaternen konnte ich jetzt auch meinen Begleiter und sein Gefährt besser erkennen. Der alte Nikolaus war groß und stämmig, und hatte einen langen, aber gut gepflegten, weißen Rauschebart. Er war gekleidet in einen großen Mantel mit Kapuze, in abgetragenen blau-Tönen. Auf dem Schlitten stapelten sich mehrere Säcke und Holzkisten voller kleiner Gegenstände, welche in Papier verpackt waren. Zum Schutz gegen die Kälte lagen oben auf dem Schlitten mehrere Wolldecken.

Nikolaus schien für sein Alter wirklich enorm stark zu sein, denn der Schlitten war nicht klein, aber gut beladen, und ich konnte den alten Mann schaufen hören. Ich wollte ihm helfen, doch er winkte ab, und zog das Gefährt den ganzen Weg allein. Stattdessen wurde mir die Aufgabe zuteil, die einzelnen Geschenke zu verteilen.

Wir zogen von Haus zu Haus. Nikolaus hielt nur selten an, oft verlangsamte er nur sein Schritttempo, damit es mir möglich war die Gaben, welche er mir diktierte, aus dem Schlitten zu holen, und im richtigen Haus zu platzieren. Ja genau, IM Haus. Denn wie durch ein Wunder fanden wir alle Haustüren unverschlossen vor. Zunächst zögerte ich die fremden Häuser zu betreten, doch mein Begleiter ermutigte mich mit der Aussage, dass es zu kalt sei, um die Geschenke draußen im Schnee stehen zu lassen …So war es meine Aufgabe nach dem Betreten des Hauses mit einer kleinen Laterne jeweils rasch die geputzten Stiefel im dunklen Hausflur ausfindig zu machen, um das jeweilige Präsent zu platzieren.

Manchmal fanden wir auch ein Geschenk für den Nikolaus vor: Zum Beispiel eine Tasse voll süßer Milch, ein paar selbst gebackene Kekse, einen geflochtenen Kranz, oder einen handgeschrieben Brief – welchen der alte Nikolaus dann immer kurz im weitergehen laß, um ihn anschließend mit einem Schmunzeln in einer seiner großen Jackentaschen verschwinden zu lassen.

Die Milch lassen wir für die Heinzelmännchen stehen, bedeutete er mir mit einem Augenzwinkern, und reichte mir einen der Kekse vom Teller neben der Tür.

So vergingen die nächtlichen Stunden wie im Flug, in dieser magischen Dezembernacht. In den Morgenstunden erreichten wir den Nebeneingang vom steinernen Krug – der Herberge, in welcher ich mein Zimmer hatte. Hier machten wir das erste Mal so richtig Rast, und Nikolaus legte die Zügel des Schlittens beiseite. Fröhlich öffnete er die Arme.

Ich möchte dir danken!”, verkündet er mit einem breiten, herzlichen Lächeln, “Ohne dich hätte ich es dieses Mal vielleicht nicht geschafft. DANKE, von ganzem Herzen. Die restlichen paar Häuser schaffe ich auch allein. Komm, geh jetzt zu Bett. Du musst müde sein.”

Er umarmt mich lange und herzlich, mit einer Kraft, die ich ihm nach all den Anstrengungen nicht zugetraut hätte. Ich konnte die angenehme Wärme seines beleibten Körpers spüren, und fühlte auch in meinem Herzen eine wohlige Wärme aufsteigen. Zum Abschied nahm er mich noch kurz bei den Händen, und sah mir dann fest in die Augen. Dann sprach er:

Als Dank für deinen heutigen Dienst, möchte ich mich bei dir erkenntlich zeigen. Ich verspreche dir, solltest du jemals in Not geraten und Hilfe benötigen, werde ich dir Hilfe zukommen lassen. Du hast mein Wort. Nochmals vielen Dank! Und nun, lebe wohl!”

Dann lächelte der Alte mir noch einmal zu, nahm die Zügel wieder in die Hand, und schlurfte mitsamt seinem Schlitten davon. Ich sah ihm noch ein paar Augenblicke nach, wie er die Gasse entlang durch den Schnee stapfte. Am Ende der Straße drehte er sich noch einmal um, lächelte, und winkte freudig zum Abschied. Dann bog er um die nächste Ecke, und war mitsamt seines Schlittens verschwunden.