7. Dezember

Der Wachturm im Westen“

Als ich in meinem Bett erwachte, war es schon wieder dunkel. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits später Nachmittag war. Die letzte Nacht hatte doch mehr an meinen Kräften gezehrt, als es mir zunächst klar war. Kurzzeitig wunderte ich mich, ob die Geschehnisse der letzten Nacht nicht doch einem sonderbaren Traum entsprungen waren … doch als ich mich in meinem gemütlichen Zimmerchen umblickte, entdeckte ich neben der Tür etwas Sonderbares. Etwas, das keine Zweifel an den Vorkommnissen der vergangenen Nacht ließ. In meinen Schuhen waren liebevoll einige Süßigkeiten drapiert, und zudem steckte dort ein kleiner Zettel mit der Aufschrift:

Hab vielen Dank für deine Hilfe!

– Nikolaus”

Heute ließ ich es ruhig angehen, und verbrachte die restlichen Stunden des Abends bei einem leckeren Abendessen in der Gaststube des steinernen Krugs. Gegen Mitternacht machte ich mich auf der Weg zum Wachturm im Westen der Stadt. Den Weg zu finden war ja nun eine Kleinigkeit für mich, nachdem ich gestern Nacht genügend Zeit hatte das Städtchen in Begleitung eines Ortskundigen ausgiebig zu erkunden.

Warte kurz, ich schicke jemanden, um dir zu öffnen.“, schallt es von oben zu mir hinunter.

Schritte hallten durch die kleinen Fensteröffnungen wider und ein paar Augenblicke später schwang eine schwere Holztür vor mir nach innen auf. Ich wurde jäh vom hellen Lichtschein einer Laterne geblendet, und hielt mir schützend die Hand vor die Augen. Ein stummer Wächter führte mich die vielen Treppen den Turm hinauf. Oben angekommen kletterte ich in eine helle, durch Kaminfeuer angewärmte Stube. Das Wort ‚angewärmt traf es sehr gut, denn durch die großen Öffnungen in den Wänden zog ein ordentlicher Wind die entstehende Wärme stetig nach draußen. In dem Raum an der Spitze des Turmes befanden sich insgesamt drei Wachleute: Einer stand am Ausguck, ein anderer hatte mich unten an der Tür abgeholt und hinauf geleitet, und ein weiterer saß auf einer langen Holzbank an einem Tisch, trank aus einer Tasse Tee, und hatte sich eine Decke über die Beine gelegt. Letzterer winkte mir zu und sprach dann mit fester, klarer Stimme:

Ich bin einer der Nachtwächter auf diesem Turm. Ich vermute mal, dass du zu mir willst

Der Mann hatte ein kantiges Gesicht und durchdringende, blauen Augen. Er trug einen schwarzen Bart, und zudem einen dickem Wintermantel und eine dunkle Pudelmütze auf dem Kopf. Bevor er fort fuhr, nahm er noch einen Schluck dampfenden Tee aus seiner Tasse.

Mein Freund der Bäcker hat mich schon über dein Kommen in Kenntnis gesetzt. Ich hatte eigentlich gestern mit dir gerechnet …“

Ich gab ihm zu verstehen, dass ich aufgehalten wurde, ohne vorerst weiter ins Detail zu gehen. Dann schilderte ich mein eigentliches Anliegen. Schließlich war ich hier, um einige interessante Geschichten über Advenzia und seine Bewohner zu erfahren. Auch der andere Wächter setzte sich, und goss uns zwei Tassen Tee ein. Dann herrschte paar Momente lang eine nachdenkliche Stille. Ohne mich direkt an zu blicken antwortete mein Gegenüber:

Der Krämerladen ist immer einen Besuch wert … hmm … und wir haben auch eine gute Baderstube … je nachdem, wonach du suchst …“. Während er sprach, strich er sich nachdenklich mit den Fingern über den Bart.

Ansonsten“, fuhr sein Kollege mit kratziger Stimme fort, „ist jedes Jahr am vierundzwanzigsten ein großes Fest in der Kirche. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.“

So ging es ein paar Minuten hin und her. Einmal meldete sich auch der Kollege am Ausguck zu Wort. Während die Männer ihre Gedanken aussprachen, machte ich mir eifrig Notizen. So erfuhr ich manch interessante Dinge über sehenswerte Orte in Advenzia. Nach ein paar Minuten schwenkte das Gespräch jedoch um, und die drei gingen dazu über sich abwechselnd ein paar Geschichten aus der jüngsten Vergangenheit zu erzählen. Zunächst hörte ich noch neugierig zu, jedoch erschienen mir die Anekdoten schon kurz darauf nicht mehr besonders unterhaltsam, da mir die beteiligten Personen allesamt unbekannt waren. Es dauerte etwas, bis ich einen geeigneten Gesprächseinstieg fand. Als ich von meinem gestrigen Ausflug durch die nächtliche Stadt erzählte, wurden die Männer plötzlich hellhörig und musterten mich mit ihren scharfen Augen.

Ist das wahr?“, hörte ich einen von ihnen neugierig fragen. Die Stimme klang mehr wie ein Flüstern. Dann wurde ich mit Fragen überhäuft. Zunächst verstand ich nicht recht, da ich davon ausging, dass der nette alte Mann gestern Abend einfach ein guter Samariter gewesen sei. Doch dann schenkten mir meine Gesprächspartner erneut heißen Tee ein und sprachen mich noch einmal direkt auf Nikolaus an.

Man munkelt, dass er aus dem alten Wald stammt. Seit jeher ranken sich Mythen und Legenden um diesen Ort. Man sagt, dass dort Hexen und Zwergenvolk leben. Keiner vernünftiger Mensch geht freiwillig in diesen Wald, vor allem nicht bei Nacht …“

Noch bis zum Morgengrauen lauschte ich den Erzählungen der beiden Männer über den geheimnisvollen Wald, seine wundersamen Bewohner, und die Sagen, die sich um selbige rankten.

Als es dämmerte wurde ich gebeten zu gehen, da es bald Zeit für den Schichtwechsel war. Ich bedankte und verabschiedete mich. Auf meinem Weg durch die morgendlichen Straßen der Stadt, ließen mich die Gedanken an den alten Wald nicht mehr los. Die Erzählungen der Wächter hatten ein Feuer in mir entfacht, und am Liebsten wollte ich mich gleich auf den Weg dorthin machen. Den ganzen restlichen Tag verbrachte ich mit Recherchen über diesen sagenumwobenen Ort. Selbst als dich später in meinem gemütlichen Bett lag, konnte ich an nichts anderes mehr denken …