9. Dezember

Das Haus am See“

Der breiten Handelsstraße folgend erreichte ich gegen Mittag den See. Er war in etwa so groß wie zwei Fußballfelder, und schien zugefroren zu sein. Auf seiner Oberfläche glitzerte eine dicke Schneedecke. Dennoch wagte ich es nicht eine Abkürzung direkt über den See zu nehmen, sondern entschied mich für den längeren Weg, indem ich beabsichtigte der Handelsstraße außen um den See herum folgen. Doch zunächst machte ich im Schutze zweier Lärchen eine Rast und entfachte ein kleines Feuer. Nachdem ich ein Loch in die Eisdecke geschlagen hatte, wusch ich mich rasch, und setzte anschließend in einem Topf Wasser auf, um einen Tee zu kochen. Der Wind wehte nun wieder stärker, und erschwerte so das vorankommen. Der Himmel war von dicken, grauen Wolken verhangen. Als ich so da saß und meinen Blick in die Ferne schweifen ließ, entdeckte ich auf der anderen Seite des Sees in einiger Entfernung ein Blockhaus, aus dessen Schornstein Rauch aufstieg. Da das Haus jedoch nicht auf meinem Weg lag beschloss ich stattdessen der Straße weiter zu folgen. Kurze Zeit darauf brach ich mein Lager ab, und machte mich wieder auf den Weg.

Etwa eine halbe Wegstunde später teilte sich die Straße. Das hatte sie schon zuvor einige Male getan, jedoch war diese Kreuzung anders als die anderen. In der Richtung, aus welcher ich gekommen war, lag Advenzia. Ein verwittertes, halb zugewachsenes Holzschild zeigte in diese Richtung und trug in vergilbten Buchstaben die Aufschrift ‚Advenzyau. Die Schreibweise ließ nahelegen, dass das Schild wohl schon etwas älter war. In der gegenüberliegenden Richtung wies ein Wegweiser mit der Aufschrift ‚Golenddyd entlang einer gut befestigten Straße. Der nach Süden zeigende Pfeil trug in vergilbten Lettern die Aufschrift ‚Stakowe, was wohl in alter Zeit das Wort für ‚Stakau‘ gewesen sein musste, und wies auf eine kleinere Straße, welche sich hinter einer spärlich bewachsenen Hügelkette verlor. Nur nach Norden deutete kein Richtungspfeil, obschon sich dort sichtbar ein breiter, unbefestigter Weg in ein Waldgebiet erstreckte. Bei genauerer Begutachtung erkannte ich, dass der Wegweiser offenbar einst ein Schild besessen hatte, welches in diese Richtung zeigte – doch es wurde nachträglich entfernt. Das musste der Eingang zum alten Wald sein, dachte ich mir, und spürte sogleich, wie mein Herz vor Aufregung schneller zu schlagen begann …

Ich war dem Waldweg nur wenige Minuten gefolgt, da vernahm ich in der Ferne ein eigenartiges Geräusch. Es hörte sich an wie ein Klingeln. Bald schon erkannte ich in Sichtweite einen Schlitten, welcher sich aus dem Wald kommend schnell näherte. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, und ich musste an die Geschichten von Räubern denken, welche in früheren Zeiten hier oft ihr Unwesen getrieben hatten. Deshalb wollte ich eine Begegnung gern vermeiden. Jedoch war ich zu bepackt um die Flucht anzutreten und ging stattdessen rasch hinter einer nahe stehenden Esche in Deckung. Von dort aus sah ich zu wie ein von Hunden gezogenes Schlittengespann unweit meines Versteckes anhielt. Hinten drauf stand ein Mann in Fellkleidung. Als er vom Schlitten abstieg, zog er sein Gewehr vom Rücken, lud hörbar nach, und zielte in die Richtung, in welcher er mich offenbar vermutete. Er musste mich also gesehen haben. Mir stockte der Atem. Während er sich suchend umblickte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Dann hörte ich ihn mit heiserer Stimme brüllen:

Kommt raus, elendes Diebesgesindel! Oder ich hetze die Hunde auf euch!“

Mein Herz machte einen Hüpfer! Ach du meine Güte … Was nun …!?

Einige Zeit später fand ich mich in der gemütlichen Stube des Blockhauses wieder, welches am Rande des Sees stand. Es war das selbe Haus, welches ich früher an diesem Tag nur aus der Ferne betrachtet hatte. Eine ältere Frau schenkte mir dampfenden Tee in eine Tasse, und auf dem Tisch stand eine Schale voller Nüsse. Um meine Schultern hing eine wärmende Wolldecke, derweil der Großteil meiner Kleider über dem Ofen trocknete.

Entschuldige bitte das Verhalten meines Mannes, aber wir haben gelernt vorsichtig zu sein.“, erklärte mir meine Gastgeberin, „Um diese Jahreszeit kam es schon vor, dass einige der Umliegenden anfingen zu stehlen, um ihre eigenen Vorräte aufzubessern. Wir sind daher vor allem im Winter vorsichtig gegenüber Menschen geworden, die wir nicht kennen. Also bitte, sieh uns unser Verhalten nach. Wir sind nicht allen so ungehalten gegenüber …“ Sie räuspert sich und nahm dann einen Schluck Tee, während ihr Mann mich weiterhin skeptisch begutachtet.

Also, was verschlägt dich hier her?“, platzte es unfreundlich aus ihm heraus, „Zum Pilze sammeln bist du spät dran dieses Jahr.“

Nachdem ich dem Pärchen meine Geschichte erzählt hatte, herrschte zunächst eine bedrückende Stille. Dann ergriff meine Gastgeberin wieder das Wort.

Du musst wissen, dass sich in diesen Wäldern mehr als nur Räuber und Diebe herumtreiben. Dieser Wald ist nicht wie die angrenzenden Forste um Advenzia, oder die Wälder die du vielleicht kennst. In den Tiefen vom alten Wald hausen ganz andere Geschöpfe als Hirsche, Dachse und Wildschweine. Hier leben Irrwichte und Graugnome, Aschwinder und Dunkeltrolle, Hinkepanks und Rumpelwichte. Und man munkelt es gäbe dort sogar Hexen!“ Sie schaute mich mit einem mütterlichen Blick an, presste die Lippen aufeinander und nickte mir gedankenverloren zu. Doch noch bevor ich die Gelegenheit hatte genauer nachzufragen, ergriff ihr Mann wieder das Wort.

Wohin du gehst, und was du dort treibst, das soll nicht unser Belang sein. Aber bei Dunkelheit ist es nicht ratsam durch den Wald zu reisen. Wenn du möchtest, kannst du heute Nacht hier bleiben. Draußen dämmert es bereits. Morgen früh kannst du dann weiter reisen.“

Er stand auf und ging zur Tür. Auf dem Absatz hielt er einen Moment inne, und drehte sich noch einmal zu mir um.

Zum Ausgleich kannst du mir helfen den Schlitten zu entladen und die Hunde zu versorgen. Danach könntest du meiner Frau in der Küche helfen. Und heute Abend essen wir dann gemeinsam. Was hälst du davon?“