12. Dezember

Behagliches Nachtlager”

Wie Grashalme bogen sich die Wipfel der alten Bäume unter der Last des eisigen Schneesturmes, welcher diese unschuldige Nacht heimsuchte. Hin und her schwankten sie, dem stetigen Ruf des Windes folgend. Wie in einer Art wirrer Harmonie bog er in luftigen Höhen die wackeren Riesen aus Holz unter bedrohlichem Knirschen abwechselnd in alle Himmelsrichtungen, während er am Boden den glitzernden Schnee zum stürmischen Tanz aufforderte. Und all das unter der Kulisse eines tosendem, gespenstischem Heulens.

Schützend zog ich mir die Decke noch etwas tiefer ins Gesicht. Doch als der schneidende Wind trotz aller Mühe seinen Weg durch die kleinsten Ritzen meines Schlafsacks fand, verringere ich den Abstand zwischen mir und dem Lagerfeuer auf ein Minimum. Dieses brannte knisternd und prasselnd, dem Unwetter trotzend, fröhlich in einer von mir zuvor ausgehobenen Vertiefung. Da es noch dunkel war und zu früh zum aufstehen, griff ich mit Mühe noch einige Holzscheite vom nahe gelegenen Stapel, und warf sie auf das Lagerfeuer. Als der Sturm etwas nachließ, nickte ich erneut ein.

An diesem Tag war der Winter spürbar zurückgekehrt. Es war eisig kalt, der Wind schneidend und unangenehm präsent. Als ich mein Lager nach Sonnenaufgang aufräumen wollte, konnte ich meinen Rucksack zunächst nicht finden. Zunächst ging ich davon aus, dass er vielleicht eingeschneit wurde, doch als ich ihn dort, wo ich ihn am Vorabend abgelegt hatte, nicht entdecken konnte, erweiterte ich meinen Suchradius. Schlussendlich entdeckte ich ihn im Wald hinter einer nahe gelegenen Eibe. Erschrocken musste ich feststellen, dass nicht nur mein Proviant fehlte, sondern auch mein Kompass samt Karte, sämtliches Geld, mein Essbesteck samt Topf, und einige weitere Kleinigkeiten. Auch meine Wechselkleidung lag im Umfeld verstreut, sodass ich sie mir zusammen sammeln musste. Wie zu erwarten war, war diese durch den Schnee völlig durchnässt und teilweise gefroren. Zuerst war ich überzeugt davon, dass hungrige Tiere mein Gepäck geplündert hatten, und ich ärgerte mich, dass ich den Rucksack nicht an einem Seil in einem Baum aufgehangen hatte. Doch als ich die fehlenden Metallgegenstände bemerkte, begann diese Theorie ins Wanken zu geraten. Mich beschlich ein ungutes Gefühl, und mir kam der Gedanke in den Sinn, dass ich in der vorherigen Nacht vielleicht von jemand anderem bestohlen wurde, als von hungrigen Wildschweinen.

Sichtlich betrübt sammelte ich meine verbleibenden Utensilien zusammen, und setzte mich zurück ans Lagerfeuer. Nach einigem Hin- und Her-Überlegen entschied ich mich dazu den Rückweg anzutreten. Da ich zwar erst knapp einen Tagesmarsch tief im Wald, aber dennoch fast drei Tagesreisen von Advenzia entfernt war, würde es bis zum Steinernen Krug wohl noch eine weite Reise werden. Vor allem ohne Proviant. Vielleicht, so dachte ich mir, könnte ich mich morgen noch einmal im Haus am See aufwärmen, bevor ich den Heimweg antrat. Mit einem Mal wirkt der Alte Wald auf mich nicht mehr so einladend wie noch an den Tagen zuvor …

Auf meinem Rückweg durch die Schneelandschaft begegnete ich einigen Rehen, und auch ein paar verschlafenen Eichhörnchen. Der Tag plätscherte dahin, und ich war überaus dankbar, dass der Wind sich mittlerweile wieder gelegt hatte. Da meine Spuren vom Vortag dank des Sturmes nicht mehr zu erkennen waren, und mir auch mein Kompass fehlte, schlug ich den Weg ein, der meiner Ansicht nach in südliche Richtung führte. Da auch die Sonne hinter einer dicken, grauen Wolkendecke lag, musste ich den Weg abschätzen, und wanderte stets so durch den Schnee, dass mir das Vorankommen die wenigste Mühe bereitete. Jedoch musste ich feststellen, dass ich nun deutlich langsamer vom Fleck kam, da es einiges an Neuschnee gab, und ich keine Schneeschuhe dabei hatte. Des öfteren versank ich knietief im Neuschnee, und musste mich wieder frei buddeln. Und das war wirklich anstrengend …! Nach einigen Pausen und mehreren Stunden Fußweg, begann ich langsam daran zu zweifeln, ob ich mich noch in die richtige Richtung bewegte. Schließlich versuchte ich mich anhand der Bäume und des Moosbewuchses zu orientieren. Doch als mir plötzlich entlang eines Steilhanges eine markante Felsformation auffiel, in welcher die Eingänge mehrerer Höhlen erkennbar waren, begann ich die Vermutung zu hegen, dass ich mich verlaufen haben könnte. Solche eindeutigen Naturbilder hätten meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wäre ich auf dem Hinweg hier schon einmal daran vorbei gekommen – soviel stand fest.

Mein Abendbrot bestand heute aus zwei Hand voll Hagebutten, einiger Fichtentriebe, etwas Moos, und ein paar kalten Haselnüssen, welche ich unter einem großen Haselstrauch unter dem Schnee ausgegraben hatte. Hungrig und frierend legte ich mich an diesem Abend nieder. Zwar brannte wieder ein knisterndes Feuer neben meiner Schlafstätte, doch da ich es nicht wagte meine vom Schnee nass gewordene Hose über Nacht am Feuer zu trocknen, aus Angst, dass auch sie am nächsten Morgen verschwunden oder zumindest gefroren sein könnte, entschied ich mich dazu sie klamm wieder anzuziehen, und stattdessen im Schlafsack durch meine Körperwärme zu trocknen. Da meine Wechselkleidung auch noch von der vorherigen Nacht feucht war, und der Abend am Feuer nicht ausgereicht hatte, um alles zu trocknen, packte ich die meisten Kleidungsstücke wieder feucht in meinen Rucksack, welchen ich mir diesmal als Kopfkissen unterlegte. Sicher ist sicher, dachte ich mir.

Da der eisige Wind nun wieder stärker toste, hatte ich mich mit meinem Lager in die schützende Mulde eines Hangs geschmiegt. Nun lag ich dort, zusammen gekauert in meinem Biwaksack. An Schlaf war noch nicht zu denken – noch fröstelte es mich zu sehr. Zudem trieben mich einige Gedanken um. War ich wirklich in die falsche Richtung gelaufen? Und wann würde ich endlich wieder auf die Handelsstraße treffen? War das wirklich ein Tier, welches meinen Rucksack durchwühlt hatte? Und… würde die Unterkunft, welche ich mir in dieser Nacht gebaut hatte, einem weiteren Sturm standhalten?

Als das Getöse für ein paar Augenblicke nachließ entblößte die Nacht ihre geheimnisvolle Stille. Rasch schob ich noch einen Holzscheid in die Feuermulde, als ich plötzlich in mittlerer Entfernung das Knacken von Ästen vernahm. Mein Kopf schnellte in die Richtung aus der das Geräusch kam, und für einen Augenblick meinte ich hinter den Baumreihen etwas aufblitzen gesehen zu haben, dass mich an ein leuchtendes Paar Augen erinnerte. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Das war das vierte Mal heute Nacht. Jemand beobachtete mich. Oder … etwas

Als der Wind wieder mit aller Kraft zu pusten und zu heulen begann, kroch ich noch tiefer in meinen Schlafsack. Die Augen noch immer gebannt auf die Stelle zwischen den Bäumen gerichtet, von wo ich das Knacken vernommen hatte. Noch lange lag ich in dieser Nacht wach und lauschte in die Dunkelheit.

Das Rascheln von Blättern ließ mich erwachen. Ich zuckte unwillkürlich zusammen.

Was war das? Meine Augen öffnend bemerkte ich, dass dich sie kaum aufhalten konnte. Offenbar hatte ich doch ein wenig schlafen können. Ich fragte mich wie spät es jetzt wohl war …

Plötzlich hörte ich wieder ein Rascheln im Gebüsch, diesmal näher. Mein Körper verkrampfte sich. Jetzt konnte ich das dumpfe knirschen von leisen Schritten auf Schnee vernehmen. Oh Gott.

Langsam und vorsichtig, wie in Zeitlupe, drehte ich meinen Kopf zu Seite, um einen Blick auf das Feuer erhaschen zu können, welches mittlerweile jedoch zu einer Glut zusammen geschrumpft war. Nur das Licht der Sterne und des zunehmenden Mondes erhellte noch diese nächtliche Kulisse. Es lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Mit unsäglicher Vorsicht drehte ich meinen Kopf erneut, diesmal gen Himmel. Ich versuchte dabei keine unnötigen Geräusche zu machen. Als ich langsam nach oben blickte, stockte mir schlagartig der Atem: Zwischen mich und das Firmament schob sich langsam und bedrohlich ein großer Schatten. Meine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Plötzlich ein dumpfes, hässliches Klatschen. Dann fiel alles um mich herum in eine tiefe, traumlose Dunkelheit.