16. Dezember

In den Tiefen des Waldes“

Ich erwachte am späten Vormittag. Die Sonne stand schon hoch, und heute waren nur wenige Wolken am Himmel. Es war ein frostiger, aber wunderschöner Wintertag. Die Nacht war zwar unruhig, aber dennoch erholsam gewesen. Als ich mich von meinem Nachtlager erhob, fühlte ich mich immer noch etwas schlapp, aber dennoch bedeutend besser als am Tag zuvor. Ruhe, Wärme, und die Medizin des kleinen Mannes schienen geholfen zu haben.

Tomte Haraldson kam zu mir und erkundigte sich nach meinem Befinden. Auch entfernte er meine Verbände, und besah sich meine Wunden. Er schien zufrieden mit dem Heilungsprozess zu sein, denn er nickte und gab ein zustimmendes Brummen von sich. Leider war er heute etwas kürzer angebunden als am Abend zuvor, sodass ich an diesem Vormittag leider nicht viel neues über das Heinzelvolk erfuhr. Auch über den Verbleib von Nikolaus erfuhr ich nicht mehr als auch am Vortag – Haraldson meinte nur, er sei „unterwegs“

Am Feuer sitzend nahm ich ein spätes Frühstück zu mir, welches mir der Heinzelmann eigens aus seiner Speisekammer zusammengestellt hatte. Obschon es nur eine kleine Menge war schmecktees vorzüglich, und ich spürte rasch, wie sich meine müden Glieder sogleich mit Leben füllten. Nach dem Essen erkundigte sich Tomte Haraldson bei mir, ob ich mich tauglich für die Weiterreise fühlen würde, und ich bejahte seine Frage. Also bauten wir rasch die behelfsmäßge Unterkunft auseinander, verwischten unsere Spuren, und ich legte meine wärmende Kleidung an. Zumindest das, was davon übrig war. Denn meine Ausrüstung hatte ich dank der Trolle nun verloren, und auch meine Wechselkleidung und einige dickere Winterklamotten waren in der Höhle zurück geblieben. So kam es, dass ich nun gänzlich ohne Gepäck reiste. Als Haraldson bemerkte, dass ich bereits jetzt zu frösteln begann, ermahnte er mich, ich solle mir doch eine der dicken Wolldecken vom Lagerplatz um den Leib hängen. Das tat ich sogleich.

Das Heinzelmännchen führte mich nun noch tiefer in den uralten Wald. Zumindest sagte es mir dies, denn um ganz ehrlich zu sein hatte ich keinerlei Ahnung, wo wir uns befanden. Zunächst bewegten wir uns noch auf Pfaden, später dann aber direkt durchs Unterholz. Im Laufe des Nachmittags zogen erneut Wolken auf, und es begann zeitweise sogar wieder zu schneien.

Haraldson legte ein ordentliches Tempo vor, und ich hatte Mühe mitzuhalten. Ich war recht schnell aus der Puste, vermutlich aufgrund meines immer noch angeschlagenen Gesundheitszustandes. Trotz seiner geringen Körpergröße – er war kaum größer als meine Hand lang ist! – bewegte Tomte Haraldson sich im unebenen, verschneiten Terrain derart trittsicher und flink, dass es mir nicht gelang Schritt zu halten. Immer wieder musste der kleine Mann auf mich warten. Einmal, während wir eine kurze Pause einlegten, erklärte mir der Heinzelmann, dass wir die direkten Abkürzungen unter der Erde nicht nehmen könnten, da diese Geheimgänge nur für das Heinzelvolk und andere Lebewesen in deren Größe gemacht seien. Deshalb sei der Weg nun etwas länger. Und außerdem, so Haraldson, müssten wir uns sputen, wenn wir noch im hellen beim Haus der Hagezusse ankommen wollten.

Der Tag plätscherte trüb und regnerisch dahin. Meine Schuhe waren alsbald völlig durchnässt, und meine Füße begannen zu frieren. Dieser Umstand machte es mir noch schwerer meinem kleinen Reiseführer durch den Wald zu folgen. Einige Male verlor ich ihn auch völlig aus den Augen, nur um ihn dann kurz darauf in der Ferne wieder zu erblicken. Meist wunk er dann schon ungeduldig mit seiner winzigen Hand, oder machte mich mit einem lauten Pfiff auf seinen derzeitigen Standort aufmerksam. Es dämmerte schon, und meine Beine schmerzten, als der Heinzelmann endlich etwas an Tempo nachließ und es mir ermöglichte zu ihm aufzuschließen. Meine Hosenbeine waren mittlerweile komplett durchnässt und klebten unangenehm an meinen kalten Waden und Schienbeinen.

Wir sind fast da“, sprach er zu mir und deutete mit seinem kleinen Arm auf eine Lichtung hinter mehreren Rotbuchen.

Kommen Sie! Dort vorn ist es, die Heimstätte der weisen Frau.

Wenige Augenblicke später standen wir vor einem gewaltigen Hutebaum, welcher die anderen Bäume in seinem Umfeld in Größe und Umfang weit in den Schatten stellte. Er war so riesig, dass er mehr wie ein riesiger Fels anmutete, den man hier in die Landschaft gepackt hatte, als wie ein Baum. Beim genaueren Hinsehen erkannte ich zudem noch mehr Eigentümlichkeiten wie Fensteröffnungen im Holz, und Rauch, welcher aus der Krone des Baumes aufzusteigen schien. Erst jetzt erkannte ich voller erstaunen, was ich hier vor mir hatte: Bei diesem Ungetüm von einem Baum handelte es sich um ein HAUS – im wahrsten Sinne des Wortes um ein BAUMHAUS. Tomte Haraldson schien meinen erstaunten Gesichtsausdruck zu bemerken, und fügte noch einmal hinzu, dass wir nun angekommen seien. Dann trat er nah an den mähtigen Stamm heran, berührte mit seinen winzigen Fingerchen die Borke, und wie aus dem nichts öffnete sich eine versteckte Tür, etwa in meiner Größe.

Wir werden erwartet“, sprach er, nickte mir zu, und war im nächsten Moment im Inneren des riesigen Baumes verschwunden.

Mit einem Mal standen wir in einer großen, hell erleuchteten Stube. Wie erwartet befand sich dort auch eine Frau. Sie saß in einem Sessel nahe eines Kamins, und erhob sich, als sie uns eintreten sah. Dann schritt sie langsam auf uns zu, faltete ihre Hände und verbeugte sich erst vor dem Zwerg, und dann vor mir, ohne jedoch auch nur einen Moment den Blick von mir abzuwenden. Sie stellte sich mir als Albrun vor. Ihre hellen Augen, so schien mir, wirkten unglaublich tief und geheimnisvoll, und mich durchzuckte kurz die unheimlich Gewissheit, sie könnte bis in die Tiefen meiner Seele hinein sehen. Ihr Alter war unmöglich auszumachen. Sie hatte die Statur einer Frau mittleren Alters, aber ihr Gesicht wirkte unendlich jugendlich und uralt zugleich. Verlegen erwiderte ich ihre Begrüßung.

Nachdem wir auf einem dunkelroten, gepolsterten Diwan Platz genommen hatten, begann Haraldson ohne Umschweife von unserer Flucht aus der Höhle zu erzählen, und davon, wie wir uns kennengelernt hatten. Zu meiner Verwunderung sprachen er und die Frau streckenweise eine andere, mir unbekannte Sprache, sodass ich ihre Konversation nicht in Gänze verstehen konnte.

Während die beiden miteinander redeten, schaute ich mich beläufig von meinem Platz aus in dem großen Raum um, in dem wir uns befanden, und erlebte so eine Überraschung nach der nächsten. Zum einen schien das „Haus“, also der riesige Baum, in welchem sie lebte, von innen noch einmal deutlich geräumiger zu sein, als es von außen ohnehin anmuten ließ. Auf meine erstaunte Frage, wie dies möglich sei, erntete ich nur eine schelmische Aussage, dass ’nicht alles so sei, wie es scheine‚. Generell fand ich viele meiner Fragen an diesem Abend nicht beantwortet – doch schlussendlich überwogen die Wunder, die ich an diesem Ort entdeckte meinen Unmut bei weitem. Albruns Behausung war rund, und schien förmlich zu leben. Im Haus selbst war es luftig, doch zugleich warm – obschon draußen im Wald Temperaturen im Minus-Bereich herrschen mussten. Überall an den Wänden fanden sich Regale mit Büchern, und weiteren sonderbaren Inhalten, wie Schmuck, geometrische Artefakte, einige gerahmte Bilder, Kristalle und angestaubte Flaschen mit mir unbekanntem Inhalt. Trotz der wenigen Fenster war es innerhalb des großen Zimmers taghell, und das, obwohl ich keinerlei Lichtquelle ausfindig machen konnte, außer einen kleinen Kamin, welcher sich auf der Seite links der Eingangstür befand. Auf der hinteren Seite des Raumes ging je eine hölzerne Wendeltreppe nach unten, und eine nach oben in ein anderes Stockwerk.

Nun denn“, hörte ich plötzlich die Stimme der Weisen Frau zu mir sprechen, „Damit hätten wir das wichtigste geklärt. Entschuldige bitte, dass wir dich so lange haben warten lassen. Du musst hungrig sein. Komm, ich habe trockene Kleidung für dich bereit gelegt. Und wenn du soweit bist, dann werden wir draußen am Feuer ein Abendmahl zu uns nehmen. Tomte wird uns heute Abend Gesellschaft leisten.“