17. Dezember

Die Heimstätte der Weisen Frau“

Das besondere an diesem Ort, so fand ich, war die Tatsache, dass er tatsächlich zu existieren schien. In eine warme Decke gehüllt saß ich in einem wunderschönen Hain voller alter, verschneiter Bäume, und genoss die Herrlichkeit des anbrechenden Tages. Die Sonne war vor wenigen Minuten aufgegangen, und hüllte den dämmerigen Morgen in zinnoberrotes Licht. Leise hörte ich das Gurgeln eines Baches. Es war fast windstill, und die Luft war erfüllt von Vogelgesang. Alles um mich herum schien zu leben, und diesen wunderbaren Tag begrüßen zu wollen. Sogar die uralten Bäume schienen eine magische Energie auszustrahlen. Wie ich erfahren hatte trug dieser Platz den zungenbrecherischen Namen „Tabhairowe“, was soviel wie „Zauberhafter Ort am Fluss“ bedeutete. Noch eine ganze Weile schwelgte ich in der Magie des Augenblicks, der ewig zu währen schien.

Als die Sonne aufgegangen war, gesellte sich Albrun zu mir. Sie berührte mich sachte von hinten an der Schulter, und als ich mich umdrehte, reichte sie mir einen handgetöpferten Pott voll dampfendem Tee.

Hier bist du also. Ich hatte dich schon gesucht.“, sprach sie mit freundlicher Stimme, „Wunderschön dieser Ort, nicht wahr? Nicht viele Menschen von außerhalb hatten außer dir je die Gelegenheit ihn zu bestaunen. Zumindest schon für eine lange Zeit nicht mehr.

Obschon sich mir die Frage aufdrängte, was sie damit meinen würde, entschied ich mich nicht genauer nachzufragen. Ich wollte noch nicht sprechen. Stattdessen wollte ich den allumfassende Frieden, den dieser zauberhafte Ort ausstrahlte, noch einen Moment länger genießen. Albrun schien dies zu spüren, und gab mir mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie drinnen auf mich warten werde. Dann entfernte sie sich genau so lautlos, wie sie zuvor herbei gekommen war.

Der gestrige Abend war so geheimnisvoll und schön gewesen, wie meine Ankunft an diesem Ort. Noch bis tief in die Nacht hatten Haraldson, Albrun und ich am Feuer gesessen, hatten gegessen, getrunken, und tiefsinnige Gespräche geführt. Die Weise Frau hatte mir viele Geschichten über den Wald und seine Bewohner erzählt, und auch der Heinzelmann entpuppte sich als viel gesprächiger, als noch am Vormittag. Auch hatte ich die Gelegenheit zu Wort zu kommen, und meine Geschichte zu erzählen. Wir sprachen auch darüber, wie es weiter gehen solle, und was mich schlussendlich antrieb diese Reise zu unternehmen.

Spät in der Nacht verabschiedete sich Tomte Haraldson mit den Worten, dass er nun heim kehren wolle zu seiner Familie. Nachdem er gegangen war, verkündete auch meine Gastgeberin, dass sie sich nun zurück ziehen wolle, und bat mir an, dass ich ein Gästezimmer in ihrem Haus beziehen könne. Doch nachdem ich mich vergewissert hatte, dass es sicher sei, entschied ich mich lieber dafür die Nacht im Freien zu verbringen. Zu berauscht war ich von der magischen Atmosphäre dieses besonderen Ortes. So ließ ich mich mit ausreichend Decken und Fellen ausstatten, und machte es mir auf einer Lichtung unter einer Lärche gemütlich. Noch lange beobachtete ich in dieser besonderen Nacht die Sterne hoch über mir am Firmament. Bereits nach kurzem Schlummer erwachte ich kurz vor Sonnenaufgang, zwar müde, aber energetisiert von einer mir unbekannten Kraft. Dieser Ort, so entschied ich, war zu schön, um ihn zu verschlafen.

Als ich am Vormittag Albruns Behausung betrat, brannte bereits das Feuer im kleinen Kamin. Da ich meine Gastgeberin nirgends entdecken konnte, zog ich die Schuhe aus, und trat ein. Die Stube war herrlich warm, und sofort erröteten meine kühlen Wangen. Ich zog die Mütze und den wärmenden Mantel aus weichem Leder aus, welchen meine Gastgeberin mir am Vorabend geliehen hatte und hing beides in die Nähe der Feuerstelle zum trocknen. Dann stellte ich die leere Tasse auf den Holztisch, nahm mir vom Diwan ein Schafsfell, und setzte ich mich direkt vor den Kamin. Dort rieb ich meine kalten Hände aneinander, und hielt sie ans Feuer, um mich zu wärmen.

Wunderbar hier, nicht wahr?“, ertönte eine Stimme direkt hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um, denn ich hatte angenommen alleine in dem großen Raum zu sein. Doch ich hatte mich getäuscht. Unweit von mir saß Albrun in einem großen, dem Kamin zugewandten Ohrensessel, und strickte. Sie schaute kurz von ihrer Arbeit auf, lächelte mich wissend an, und widmete sich dann wieder ihrem Strickmuster. Ich war zutiefst irritiert. Ich war sicher, dass ich allein in dem Raum gewesen war. Auch der Sessel, so war ich überzeugt, war leer gewesen, als ich das Zimmer betreten hatte. Ungläubig nickte ich meiner Gastgeberin zu, um ihre Frage zu beantworten. Ohne von ihrer Arbeit auf zu sehen, sprach diese weiter.

Ich genieße es auch immer wieder. Den Bäume, das Vogelzwitschern am Morgen, die Feen und ihre Reigen, und vor allem die Leichtigkeit, die dieser Ort mit sich bringt … Sogar im Winter, zu dieser unwirtlichen Jahreszeit, birgt er Friede und Leben, wie kein anderer mir bekannter Ort. Und glaube mir wenn ich sage, dass ich viele Orte auf dieser Welt und in den jenseitigen bereist habe.“

Ich erzählte ihr von meinen Eindrücken im Tabhairowe, dem zauberhaften Ort am Fluss, und versuchte an unser gestriges Gespräch anzuknüpfen. Eine Weile hörte meine Gesprächspartnerin nur zu, doch nach einer längeren Pause erwiderte sie:

Am morgigen Tag wirst du fasten, und auf eine Medizinwanderung gehen. Bei diesem uralten Ritual wirst du die Gelegenheit haben deinen Weg klarer zu sehen, und zu verstehen, wohin deine Reise dich führen wird. Sie wird dir viel Aufschluss über deinen weiteren Weg bringen. Nutze den heutigen Tag zur Vorbereitung, um den bestmöglichen Wert aus der Reise zu ziehen. Ich werde dir alles nötige mitteilen, was es darüber zu wissen gibt. Wichtig für dich ist jedoch zu wissen, dass auch, wenn dir Erlebnisse auf der Reise sonderbar vorkommen mögen, so ist dies doch alles Teil deines ganz eigenen Weges. Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheinen mag … Und nun, ruhe dich aus. Alles weitere werde ich dir gegebener Zeit erzählen.“