18. Dezember

Eine sonderbare Reise“

Noch vor Tagesanbruch wurde ich von Albrun geweckt. Dann erhob ich mich aus meinem Bett, und folgte dem Ablauf, den wir am Vorabend durch gesprochen hatten. In Heiliger Stille erledigte ich rasch die notwendige Morgenhygiene und legte dann die bereitgelegte Kleidung an, welche neben meiner eigenen noch aus einem gefütterten, weißen Hirschleder-Poncho und einem Paar handgemachter Schneeschuhe bestand, welche die Weise Frau mir geschenkt hatte. Als ich fertig war, trat ich hinaus in die leuchtende Dunkelheit. Es gab jede Menge Neuschnee, und noch immer schneite es. Draußen am Rande des Tabhairowe saß Albrun auf einer hölzernen Bank vor einer Feuerstelle, über welcher an einem Dreibein ein Teekessel baumelte. Als ich näher trat, nahm sie mit ehrfurchtsamer Langsamkeit den Kessel vom Feuer und schenkte mir dampfenden Tee in eine Holzschale, welche sie mir danach auffordernd reichte. Behutsam schlürfte ich den Inhalt, um mich nicht zu verbrühen. All dies geschah in Stille. Nur der heulende Wind pfiff durch die noch immer eisige Dunkelheit um uns herum. Noch schien der Mond, und tauchte die ganze Silhouette der Bäume um uns herum in gespenstisches, silbernes Licht.

Als ich ausgetrunken hatte reichte ich Albrun die Schale, und auch sie goss sich einen Schluck ein. Zu meiner großen Überraschung trank sie die dampfende Flüssigkeit mit einem Zug leer, ganz als ob es sich um kühles Wasser handeln würde. Mein Erstaunen ignorierend richtete sie ihre ehrfurchtsvollen Worte an mich, und bedeutete mir, dass meine Medizinreise nun beginne. Sie bedeutete mir den Bach auf dem schmalen Steg zu überqueren, und ihm danach gen Norden zu folgen. Dort, so sagte sie, werde ich finden, was ich suche. Noch einmal erinnerte sie mich daran den heutigen Tag schweigend und fastend zu verleben. Dann verabschiedete sie mich genau so, wie sie mich vor eineinhalb Tagen empfangen hatte: Mit einer kleinen Verbeugung, die hellen Augen direkt auf mich gerichtet – mit einem durchdringenden Blick, der mich erschaudern ließ, da er bis ins tiefste Innerste meines Wesens zu dringen schien.

Nachdem ich den zugefrorenen Bach überquert hatte, folgte ich ihm gen Norden, und legte so eine gute Strecke zurück. Zwar war es dunkel, doch dank der hellen Schneedecke und des Mondlichts konnte ich mich zwischen den verschneiten Bäumen recht gut orientieren. Und dank der Schneeschuhe blieb auch meine Kleidung trocken, und ich kam recht zügig voran. Aufmerksam beobachtete ich meine Umgebung, denn die weise Frau hatte mich ja ermahnt jede Erscheinung auf meiner Reise als Zeichen zu verstehen. Als es stärker zu winden begann, zog ich meinen Kragen höher, und auch die Kapuze des Ponchos tiefer ins Gesicht. Auf meinem Weg scheuchte ich ein paar Tiere auf, und prägte mir die Begegnungen gut ein. Einmal sah ich einen Raben, welcher mich von einem hohen Baum aus zu beobachten schien. Und kurz darauf einen zweiten, unweit des ersten. Ein anderes Mal ergriffen zwei unachtsame Rehe vor mir die Flucht, und brachen in kurzer Distanz lautstark aus dem Unterholz.

Kurz vor Sonnenaufgang begann mir leicht übel zu werden, und mir wurde etwas schwindelig. Ich schob es auf den Hunger, also setzte ich mich auf einen umgestürzten Baumstamm, um einen Moment zu verschnaufen. Schon kurze Zeit später setzte ich meinen Weg fort. Ich war wieder ein paar Minuten gelaufen, da setzte der Schwindel erneut ein, diesmal heftiger. Ich blieb stehen, und rieb mir Stirn und Augen. Was war bloß los mit mir? Auch begann ich merklich zu schwitzen, und eine Übelkeit gesellte sich zu den weiteren Symptomen. Ich hielt mir den Bauch, und ging weiter. Schon kurz darauf musste ich mich wieder setzen. Diesmal setzte ich mich unter einen großen Holunderbusch, um Schutz vor dem Schnee zu suchen. Es war nun taghell, und obwohl es bewölkt war, blendete mich das Licht, welches vom Schnee reflektiert wurde. Ich hielt mir die Hand vor die Augen und lehnte mich an den Hollerbusch. Ein Weitergehen war nun erst einmal nicht möglich, und so entschied ich mich, den Schwindel kurz auzusitzen bevor ich weiter zog. Kaum dass ich einige Augenblicke saß, erfasste mich eine ungeahnte Müdigkeit, was mir die Entscheidung zu rasten letztendlich erleichterte. Also zog ich meine Kapuze tief ins Gesicht und schnürte sie zu, um nicht zu frieren, steckte meine behandschuhten Hände in die Manteltaschen, und schloss die Augen. Da ich warm angezogen war, würde ich nicht so schnell frieren, und ein kurzes Nickerchen würde mir gut tun, so dachte ich.

Was danach passierte war äußerst sonderbar. Vor meinen geschlossenen Augen begannen allmählich Farben sichtbar zu werden, dann um einander zu kreisen, und schlussendlich miteinander zu tanzen! Der Schwindel war auch mit geschlossenen Augen spürbar, und so begann ich unweigerlich mit meinem Kopf leicht in die jeweilige Richtung mit zu schwingen, in welche auch die Farben tanzten. Ich musste ein paar Mal aufstoßen, und plötzlich breitete sich in meinem Inneren eine zunehmende Wärme aus, welche meinen ganzen Leib erfüllte. Ich öffnete meine Augen einen Spalt breit, und blinzelte ins gleißende Tageslicht. Auch dieses schien sich verändert zu haben! Es war, als könnte ich plötzlich die verschiedenen Spektren des Sonnenlichtes wahrnehmen – zumindest erkannte ich leichte Farbtöne entlang der Bäume, auf die das Licht schien. Staunend beobachtete ich dieses Phänomen eine kleine Ewigkeit, bis mein Gesicht anfing zu erkalten. Dann zog ich rasch wieder meine Kapuze zu und schloss die Augen. Oh, welch Überraschung! Vor meinem geistigen Auge sah ich nun Bilder, ganz wie im Traum. Es waren Symbole mir unbekannter Herkunft, und ich entdeckte auch geometrische Formen. Da war eine blaue Pyramide, und ein türkis-farbenes Quadrat, rote Kreise in allen Größen, und viele orangene Sterne. Sie umkreisten einander in elliptischen Bahnen und nahmen stets an Geschwindigkeit zu. Vom zuschauen wurde mir noch schwindeliger, und ich rieb mir erneut die Augen.

Als meine Beine kalt wurden, erhob ich mich und wankte weiter durch den Wald – in die Richtung, welche ich als geografischen Norden auserkoren hatte. Mein Mund war trocken, aber die Übelkeit hatte nachgelassen. Auch der Schwindel war nicht mehr all zu stark. Nach einigen Metern meinte ich im Schneegestöber ein Geräusch zu hören. Ich sah mich um, aber entdeckte nichts. Also ging ich weiter. Plötzlich … da! Da war es nochmal! Ich lauschte in die Stille des Winterwalds, um ausmachen zu können, woher das Geräusch kam. Doch ich konnte es nicht eindeutig zuordnen.

Nun kam ich an eine Hügelkette, und der Bachlauf, welcher mittlerweile zu der Größe eines kleinen Flusses angewachsen war, schien sich seinen Weg hindurch zu bahnen. Ich hatte die Wahl dem zugefrorenen Fluss direkt zu folgen, dabei aber in Kauf zu nehmen, dass meine Kleidung nass würde, oder ich im Eis einbrach … Oder ich konnte den Umweg über die Hügelkette zu nehmen, um dem Fluss dann auf der anderen Seite wieder zu begegnen. Ich entschied mich für letzteres, und nahm den steilen Anstieg in Kauf. Oben auf dem Hügel angelangt blickte ich in ein kleines Tal, an dessen Fuße sich der Fluss nach Westen bog, und mir so den Weg abschnitt. Nun hatte ich erneut die Wahl – entweder dem Verlauf des Flusses nachgehen, oder ihn überqueren und dem Rat der Hagezusse folgend nach Norden wandern. Noch unentschlossen schritt ich bergab auf die Ufer des Wassers zu. Doch – was war das? Am jenseitigen Ufer des Flusses entdeckte ich an einer seichten Stelle im Schilf eine weiße Ente! Sie sah mich unverwandt an. Ich pirschte vorsichtig näher, und beobachtete, ob sie sich entfernen würde, doch sie blieb. Neugierig beobachtete ich sie, und sie beobachete mich. Der Wind pfiff eisig, und die Schneeflocken tanzten auf der zugefrorenen Oberfläche des Wassers, doch unser Blickkontakt riss nicht ab. Ich weiß nicht, wie lange wir so da standen. Doch als ich mich schlussendlich von dem neugierigen Tier abwendete, vernahm ich wieder das sonderbare Geräusch. Rasch wandte ich mich wieder um. Da war es nochmal. Ich schaute die Ente erneut an, und zu meinem großen Erstaunen kam das Geräusch von ihr! Es war kaum verständlich, doch merklich hörbar, und ich blickte das Tier forschend an. Was willst du mir sagen, kleiner Vogel – dachte ich mir. Die Ente öffnete erneut ihren Schnabel. Was ich nun hörte ließ mir den Atem stocken. Mit einer hellen, aber leisen Stimme, die so gar nicht zu einer Ente passte, sprach sie ein Wort, während sie mich direkt ansah. Und dieses Wort war … mein Name.

Ich sah sie fassungslos an. Doch bevor mir noch Zeit zum nachdenken blieb, drehte sich die Ente um, und watschelte in den Wald davon. Sehnsüchtig streckte ich den Arm aus. So bleib doch hier, dachte ich! Die Frage des richtigen Weges stellte sich nun nicht mehr. Schnell suchten meine Augen eine Stelle, an derer der Fluss sicher passierbar sei. Doch ich entdeckte keine passable Option. Bestürzt musste ich feststellen, dass die Ente sich zielstrebig dem Wald auf der anderen Seite des Flusses näherte. Bald würde sie hinter den Bäumen außer Sichtweite sein. Aber ich wollte sie unbedingt erreichen! Auf meine Füße blickend durchzuckte mich wie ein Blitz eine Idee. Ob das Eis dick genug sei, um mich zu tragen? Zögerlich trat ich einen Schritt nach vorne. Dann noch einen, und noch einen. Das Eis hielt. Ich ließ mich nieder und krabbelte rasch auf allen Vieren bis zur Mitte des Flusses. So konnte ich mein Gewicht besser verteilen, und die Gefahr eines Einbruchs in Eis reduzieren. Der Fluss war nicht sehr breit, und ich kam erstaunlich schnell voran. Unter mir knirschte es sacht, aber keine Spur von Rissen im Eis. Ich war etwa in der Mitte des Flusses, als ich das nächste Mal aufblickte, um die Ente zu suchen. Ich erspähte sie in mittlerer Entfernung auf einem Felsen sitzend – wieder sah sie mich an. Sie öffnete den Schnabel, und wieder auch dieses Mal könnte ich leise, kaum hörbar, wie eine vom Wind getragene Melodie meinen Namen vernehmen. Sie rief mich! Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter … Als ich mich gerade wieder in Bewegung setzten wollte, sah ich plötzlich etwas rotes aufblitzen. Erschrocken schaute ich auf, und entdeckte, dass einige Meter hinter dem Sitzplatz der Ente ein Fuchs aus dem Dickicht kam, und rasch auf den Vogel zu pirschte. Er schien ihr aufgelauert zu haben und kam schnell näher. Die Ente jedoch schien nichts zu bemerken, und schaute mich weiterhin an. NEIN – das durfte nicht passieren! In Panik rief ich der Ente zu, und sprang instinktiv auf, um zu ihr zu eilen. In diesem Moment vernahmen meine Ohren ein lautes Knacken, gefolgt von einem scharfen Krachen. Plötzlich sackte der Boden unter mir zusammen, und ein stechender Schmerz erfüllte meine Beine. Erschrocken schrie ich auf, als ich ins eiskalte Wasser sank. Ich fiel der Länge nach hin, und durchbrach die Eisdecke mit einem lauten Klatschen. Vergebens suchten meine Hände nach Halt. Nur die unbarmherzige, eisige Kälte umfing mein Sein und raubte mir den Atem. Ich strampelte aus Leibeskräften um Hilfe, auf der Suche nach dem rettenden Ufer.