20. Dezember

Atillas Haus

Probier noch einen davon, die sind köstlich!”, rief mir Huginn über den Tisch zu, und warf mir übermütig in hohem Bogen einen dicken Pfannkuchen auf den Teller, dass dieser auf dem Holztisch nur so klapperte.

Junger Mann!” klang die ermahnende Stimme seiner Mutter durch den Raum, und verschämt blickte ihr Sohn auf seinen Teller.

Du musst unbedingt Mutters selbst gemachte Ebereschen-Marmelade probieren”, flüsterte indes sein Bruder Muninn mir zu, welcher über Eck neben mir saß.

Meine lieben Söhne, lachte der alte Atilla daraufhin. “Nun lasst aber gut sein. Ich bin mir sicher, dass es unserem Gast an nichts fehlt. Und wenn doch, so werden wir es sicherlich zeitnah erfahren.” Und daraufhin nahm er einen Zug aus seiner langen Pfeife, und lehnte sich genüsslich auf seinem Stuhl zurück.

Guten Morgen”, sprach die junge Frau, die gestern an deinem Bett gestanden hatte. Sie war soeben im Zimmer erschienen und trocknete sich mit einem Handtuch die langen, blonden Haare, während sie den Raum der Länge nach durchschritt – offenbar um in die Küche zu gelangen.

Diana, mein Kind, setz dich doch zu uns! Wir haben dir etwas zum Frühstück aufgehoben”, und mit einem Seitenblick zu einem seiner Söhne fügte er hinzu: “… Aber wenn du dich nicht beeilst, dann wird dein Bruder bald auch deine Portion verschenkt haben.” Dann lachte er wieder, mit seiner sonoren Bass-Stimme. Seine Tochter war unterdessen in der Küche verschwunden.

Ich verstehe immer noch nicht, wie du es vom Haus der Weisen Frau bis hier hin geschafft haben willst – und das in nur einem Tag!”, meldete sich Muninn neben dir nun wieder zu Wort. “Ich meine, ihre Hütte ist mindestens drei oder vier Tageswanderungen entfernt von hier!”

Na wie wohl, du Schlaubirne?! Hast du schon vergessen, sie ist eine Magoi! Alles Sonderbare was mit ihr in Verbindung steht wundert mich kein Stück mehr. Ich hab sogar mal gehört, dass ihr Haus auf Hühnerbeinen steht, und von alleine durch die Gegend laufen kann …”, erwiderte sein Bruder Huginn.

Von wem hast du DAS denn gehört?”, fragte seine Schwester Diana, welche nun mit einer Tasse in der Hand aus der Küche kam, und sich zwischen ihre Eltern auf die Holzbank unter dem Fenster setzte. Ihr noch feuchtes Haar fiel ihr über die Schultern, und aus der Tasse roch es verdächtig nach schwarzem Tee.

Na von Alatar”, verteidigte sich ihr Bruder. “Ich hab gehört, wie er sich mit -”

Man darf dem alten Alatar und seinen Märchen nicht zuviel Glauben schenken!”, fiel ihm sein Vater ins Wort. “Er ist manchmal zu Scherzen aufgelegt. Vor allem bei euch jungen Naseweisen treibt ihn öfters der Schalk um.”

Während die Familie weiter diskutierte, gingen mir noch weitere sonderbare Dinge durch den Kopf. Wie kam es zum Beispiel, dass das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, dass ich in einem kleinen Fluss ins Eis eingebrochen war, während mir jedoch Atilla und seine Familie versicherten, dass sie mich aus einem kleinen See vor ihrem Haus heraus gerettet hätten – welcher viele Tage Wegstrecke entfernt von dem besagten Fluss lag …

In diesem Moment meldete sich die Herrin des Hauses, Atillas Gemahlin Freya zu Wort. Sie hatte dem Gespräch bisher nur gelauscht. Ihre Autorität war unmittelbar spürbar, da augenblicklich alle Gespräche verstummten, als sie sich räusperte. Während sie sprach, lehnte sie sich bedächtig nach vorne, legte eine Hand auf den Holztisch, an dem wir alle saßen, und sah jedem und jeder von uns einen Moment lang direkt in die Augen.

Nichts desto trotz … Die alte Magoi ist nicht nur Weise, sondern auch mächtig – vergesst das nicht, meine Kinder. Nicht ohne Grund hat sie unseren Gast auf eine so weite Reise geschickt. Nur, weil wir die Dinge nicht immer gleich verstehen, bedeutet das nicht, dass zufällig passieren. Alles hat seinen Sinn, und nichts ereignet sich ohne Grund.”

Und bei den nächsten Sätzen sah sie mich direkt an. Mich beschlich ein unangenehmes Gefühl, dass ich diesen Gesichtsausdruck kannte, als wenn ich diese Augen schon einmal gesehen hätte …

Und dir, möchte ich anraten, dir gut zu überlegen, mit wem du deine Geschichten teilst. Alles, was du erlebt hast, war für dich bestimmt, und nur für dich.”

Danach herrschte kurzzeitig eine nachdenkliche Stille im Zimmer. Selbst der alte Atilla schwieg.

Es war Diana, die älteste Tochter, welche sich wieder zu Wort meldete:

Mama, Papa? Warum erlauben wir unserem Gast nicht an unserer Schwitzhütte zur Wintersonnenwende teil zu nehmen? Das wäre bestimmt sehr aufschlussreich und bereichernd!”

Die beiden Eltern tauschten kurz Blicke aus. Dann sah Atilla zu mir, und lachte mich an:

Vielleicht war es ja doch kein Zufall, dass du genau jetzt bei uns angespült wurdest!”