21. Dezember

Wintersonnenwende

Bereits früh am nächsten Tag kamen viele Besucher. Als ich die Küche betrat wimmelte es dort vor Leuten, Erwachsenen und Kindern, Heranwachsenen und Alten. In der Stube war ein großer Frühstückstisch gedeckt. Ich wurde allen vorgestellt. Nach dem Frühstück trafen wir uns allesamt im Kreis versammelt draußen im Garten hinter Atillas Haus. Dort verkündete selbiger den weiteren Tagesablauf. Nach alter Tradition, so hieß es, wollten wir eine Schwitzhütten-Zeremonie abhalten. Atilla sprach kurz über die Hintergründe dieses Rituals, über dessen Ablauf, und auch die notwendigen Vorbereitungen – und alle hörten aufmerksam zu. Danach teilten wir uns in Arbeitsgruppen auf, und erledigten die anfallenden Aufgaben. Ich half dabei das Feuer vorzubereiten, das Holz zu schlagen, und die Steine zu platzieren. Während die anderen Männer und Frauen frische Zweige schlugen und daraus die Hütte erbauten, holten andere Decken, Stoffe und Schnüre. Wieder andere hoben die Kuhle in der Mitte der Hütte aus, wo später die heißen Steine Platz finden sollten. Der Platz wurde von Schnee und Laub befreit, geräuchert und geweiht. Wieder andere, welche nicht direkt an der Zeremonie teilnehmen wollten, errichteten weitere Schlafstätten aus Fellen, Decken und Kissen im Haus. Als dies verrichteten wir zumeist schweigend und in erfürchtiger Stille – nur das Notwendigste wurde kurz besprochen. Als alle fertig waren, versammelten wir uns um das Feuer, in welchem die “Großväter”, also die Steine, nun erhitzt wurden. Atilla sprach dann noch einmal ausführlich über die Hitergründe der Tradition, und es gab die Chance Fragen zu stellen. Als wir fertig waren, sangen wir Lieder zur Ehrerbietung der Ahnen, der Elemente, und des großen Geistes. Wir wurden gebeten in uns zu gehen, und uns noch einmal mit unserer Absicht zu verbinden, mit welcher wir in die Schwitzhütte gehen wollten. Anschließend saßen wir noch eine Weile still zusammen, jeder für sich, und warteten, bis die Steine heiß genug waren. Nur selten hörte ich jemanden flüstern.

Kurz bevor die eigentliche Zeremonie begann, traf ein verspäteter Gast ein. Zuerst bemerkte ich es nicht, da ich so in Gedanken war. Doch als sich der großgewachsene Mann neben Atilla in den Kreis setzte, da fiel es mir auf. Ich schaute auf, und zu meiner Überrschung kannte ich ihn. Es war Nikolaus! Erstaunt blickte ich ihn an, doch schon im nächsten Moment war ich irgendwie gar nicht mehr überrascht ihn hier zu sehen. Er erwiderte meinen Blick, und grinste mich durch seinen dichten Bart an. Dann wandte er sich wieder Atilla zu, mit welchem er noch kurz tuschelte, bevor beide wieder in eine ehrfürchtige Stille verfielen, und den Blick nach innen richteten.

Unmittelbar vor Eintritt in die Hütte stellten wir uns in einer zuvor festgelegten Reihenfolge vor dem Eingang der Hütte auf. Unsere Kleidung ließen wir zurück. Danach wurden wir von Atilla selbst mit wohlduftenden Kräutern geräuchert. Nachdem wir mit einer kurzen Danksagung unseren Ahnen gehuldigt hatten, krabbelten wir einzeln auf allen vieren ins Innere der Hütte. Drinnen angekommen nahm ich platz. Es war eng und dunkel, und ich fror. Nachdem auch der Letzte von uns in der Hütte war, wurden von einem verbleibenden Mann außerhalb, den Atilla als “Fewur Herdja” – den Feuerhüter – bezeichnete, einige der Großväter, also der Steine, herein gebracht. Sofort wurde es spürbar wärmer in der Hütte. Nachdem der letzte Stein in die zuvor ausgehobene Kuhle in der Mitte der Hütte gelegt worden war, wurde die Türöffnung mittels mehrerer Decken verschlossen. Nun war es im Inneren der Hütte stockfinster.

Was danach kam ist schnell erklärt, und doch schwer in Worte zu fassen. Es fanden mehrere Runden statt. Zu Beginn jeder Runde sprach Atilla, welcher neben der Tür saß, ausführlicher über einzelne Aspekte der Schwitzhütte. Jedes Mal ging es um ein Element, um eine bestimmte Qualität oder Energie. Einmal ging es auch um die ganze Wintersonnenwend-Zeremonie ansich. Danach wurde jeder von uns kurz gebeten sich zu dem jeweiligen Thema zu Wort zu melden. Im Anschluss sangen wir einige der Lieder, die wir zuvor außerhalb der Hütte geprobt hatten. Zum Schluss der jeweiligen Runde wurde die Tür für einige Augenblicke geöffnet, um kalte Luft einzulassen, und auch um weitere heiße Steine ins innere der Hütte zu holen. Manchmal gab es auch etwas Wasser zu trinken. So verbrachten wir mehrere mehrere Stunden im Inneren der Schwitzhütte.

Soweit der objektive Teil. Doch was in mir passierte, war deutlich schwerer zu beschreiben. Die Temperatur erhöhte sich spürbar mit jeder Minute und mit jedem Stein, der in die Mitte kam. Ich begann zunehmens zu schwitzen. Es lief mir aus allen Poren. Ich war froh, dass es dunkel war, und mich niemand so sehen musste. Irgendwann begann mir wieder etwas schwindelig zu werden, und bald schon musste ich mich hinlegen. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem, und versuchte die Situation zu akzeptieren. Zunächst gelang es mir. Doch irgendwann während der späteren Runden wurde die Hitze schier unerträglich. Ich kämpfte dagegen an, doch es wurde nicht besser. Und dann, irgendwann, war mir mit einem Mal, als ob ich mich noch einmal in der Dunkelheit der fürchterlichen Trollhöhe befände. Mich überkam eine tiefe Angst, und ich sah mich hilflos um. Verzweifelt flüsterte ich den Namen Tomte Haraldsons, doch diesmal erhielt ich keine Antwort. Ich war allein, schutzlos, und lag dort in völliger Dunkelheit. Nebenan hörte ich die widerwärtigen Unholde palavern und schmatzen. Da war es mir, als ob tief in meinem Inneren ein brodelnder Zorn hoch zu kochen begann. Ich wurde wütend, dass ich einfach so überrumpelt wurde, und jetzt hier ohne meine Zustimmung liegen und darben musste. Was dachten diese Ausgeburten der Hölle sich eigentlich dabei?! Sie konnten mich nicht behandeln, wie sie wollten – das würde ich nicht zulassen! Ich spürte wie mein Atem wieder schneller ging, und mir innerlich ganz heiß wurde. Mir wurde zudem ganz übel im Bauch, und ich wollte diese Übelkeit herrausschreien, ins Angesicht der hässlichen Fratzen dieser unbarmherzigen Kreaturen. Also riss ich an meinen Fesseln hin und her – doch ich bekam sie nicht geöffnet. Noch immer spürte ich die erdrückende Enge an Hand- und Fußgelenken, und das machte mich rasend vor Wut. Ich fing an um mich zu schlagen, wälzte mich hin und her, ich zerrte und zog – doch ich bekam meine verfluchten Fesseln nicht ab. Ich steigerte mich in eine solche Rage, dass es mir egal war, ob ich gehört würde. Sollten sie doch kommen, diese widerwärtigen Geschöpfe, ich würde schon mit ihnen fertig werden! Plötzlich erschütterte ein langer, bestialischer Zornes-Schrei die Luft. Ich brüllte aus voller Kehle, und mein Körper bebte. Unter entsetzlicher Spannung zerrissen die Fasern meine Fesseln und ich riss mich frei.

Unter schwerem Atmen blickte in die finstere Dunkelheit und erwartete das laute Stampfen von Füßen auf Stein und Stroh zu hören. Die bedrohlichen Rufe und das erzürnte Grunzen der abnormen Trolle. Doch – nichts passierte. Es war still, nur mein Atem ging. Ich lag auf dem Boden, und Schweiß lief mir über das Gesicht, und auch über den Körper. Dann hörte ich die vertraute Stimme Atillas, welche zum Gesang anhob. Auch um mich herum wurden Stimmen lauter, fielen in seinen Singsang mit ein. Ich lag wieder auf dem Boden der Schwitzhütte, schweißgebadet, aber am Leben. Ich atmete tief, und mein Pulsschlag begann sich allmählich wieder zu beruhigen. War das alles nur ein Traum gewesen?

Nach dem Ende der Zeremonie dankten wir erneut den Ahnen, verließen die Hütte und kleideten uns wieder an. Manche wuschen sich mit Wasser oder wälzten sich im Schnee. Danach fanden wir uns wieder am Feuer zusammen. Mittlerweile ging die Sonne unter. Atilla sprach noch eine Weile, und danach wurde abschließend noch einmal jeder von uns gebeten sich zu Wort zu melden. Fast alle wirkten tief in sich gekehrt, und nachdenklich. Es fielen wenige Worte, und auch ich behielt meine Erlebnisse vorerst für mich. Nach einer weiteren Räucher-Runde gingen wir ins Haus, wo nun ein großes Buffet für uns bereitstand. Die Nachbereitungen und das Aufräumen wollten wir morgen bei Tageslicht erledigen. Freya und einige andere hatten die ganze Zeit über in der Küche zugebracht, Speisen vorbereitet und die Kinder gehütet, damit wir eine intensive Schwitzhütte erleben konnten. Nun erzählten wir wieder, und jeder aß und trank nach seinem Belieben. Eine Weile beobachtete ich Huginn und Muninn dabei, wie sie anderen Gästen Speisen auf dem Buffet schmackhaft zu reden versuchten. Es war sehr unterhaltsam, denn die beiden wirkten wie Verkäufer, die um die Wette eiferten. Anscheinend war es für die beiden ein Spiel.

Später dann bemerkte ich Nikolaus, welcher gemeinsam mit einer älteren Dame in einer Ecke saß und sprach. Jetzt hatte er einen weißen Pullover an, und darüber eine dunkelblaue Strickjacke. Er hatte eine Halbglatze und aufmerksame, grau-blaue Augen. Während er sich unterhielt, strich er sich immer mal wieder geistesabwesend mit der Hand über den weißen Rauschebart. Nachdem ich einen guten Moment abgepasst hatte, trat ich an den Alten heran, und suchte das Gespräch, woraufhin er seiner Gesprächspartnerin höflich zu nickte, und diese sich mit einem wissenden Lächeln entfernte.

Es ist schön dich wieder zu sehen!”, sprach er ruhig und sah mich an.

Ich beteuerte ihm, dass es mir genau so ging, und wir plauderten ein paar Minuten. Wir sprachen über Albrun, die Weise Frau, und meine Erlebnisse seit unserem letzten Treffen am Teich im Wald. Auch fragte ich ihn einige Dinge, die mir unerklärlich waren. So zum Beispiel das Erlebnis in der Schwitzhütte, meine Medizinwanderung, oder wie Haraldson damals wissen konnte, dass ich in der Trollhöhle gefangen war.

Du musst wissen”, begann Nikolaus, “dass wir alle auf eine gewisse Art miteinander in Verbindung stehen. Wir kommen alle aus der selben Quelle, und werden auch allesamt früher oder später in diese zurück kehren. Wir glauben nur, dass wir alle getrennt seien. Doch das ist eine Täuschung. Es war demnach ein Leichtes für mich dich zu finden, als du in Not warst, und dir Hife zukommen zu lassen. Aber genau so ist es mit der Distanz. Du fragst dich, wie es möglich war, dass du weit entfernt ins Eis einbrachst, und hier wieder zum Vorschein kamst – verständlich. Aber nur dann, wenn du an die beiden großen Täuscher namens Raum und Zeit glaubst. Wie ich bereits sagte, es ist alles miteinander verbunden. Aber dein Glaube schafft deine Realität, wenn er nur fest genug ist. Du siehst also – nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint.”

Er lächelte mir väterlich zu, und legte kurz seine Hand auf meine Schulter. Und obwohl ich nicht sicher war, ob ich den Alten richtig verstanden hatte, meinte ich zu ahnen, dass er irgendwie recht hatte. Ich erwiderte seinen freundlichen Blick, und nickte ihm verstehend zu. Dann lachte der Alte und umarmte mich herzlich. Etwas überrascht erwiderte ich seine Umarmung. Da erklang eine Stimme hinter uns. Es war Atilla:

Alatar, Könnte ich dich wohl mal einen Augenblick sprechen?”

Nikolaus löste die Umarmung, und lachte mich noch einmal an. Dann verabschiedete er sich fürs Erste, und ging zum Herren des Hauses.