25. Dezember

Das Ende einer Reise

Nun, Kindchen, wie war deine Reise?“, fragte die alte Hutmacherin neugierig. „Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass du so lange weg warst! Und dennoch wusste ich tief in meinem Inneren, dass du wohlauf bist. Obschon … ich mir vorstellen könnte, dass du wohl das ein oder andere Abenteuer erlebt hast. Ich sehe es in deinen Augen, mein Kind. Sie leuchten voller Begeisterung und Lebendigkeit – ganz als ob du es kaum erwarten könntest deine Geschichte zu teilen … Also, nun erzähl schon, ich bin schon ganz gespannt zu hören, was du unterwegs alles so erlebt hast!“

Es war der Nachmittag des fünfundzwanzigsten Dezember. Ich hatte es mir gegönnt dmeinen letzten Tag in Advenzia entspannt angehen zu lassen, und lange ausgeschlafen. Nachdem ich die Geschehnisse der letzten Wochen noch einmal hatte in meinem Kopf Revue passieren lassen, hatte ich das Weihnachts-Buffet in der Gaststube des steinernen Kessels aufgesucht. Die Feier war praktisch eine Fortsetzung des gestrigen Festessens, und so verbrachte ich die Zeit über Mittag in Gesellschaft einiger bekannter und unbekannter Gesichter schmausend und schlemmend, erzählend und lachend. Auch meine Freundin, die Hutmacherin, war diesmal zu gegen. Und da sie es, wie sie sagte, etwas ruhiger bevorzuge, lud sie mich ein sie später am Tag doch noch einmal in ihrem Geschäft zu besuchen. Was ich, nachdem das Buffet beendet war, und ich einen kurzen Mittagsschlaf gehalten hatte, auch tat.

Nun saß ich gemeinsam mit meiner Gastgeberin in den bequemen Ohrensesseln inmitten der ruhigen Hutmacherinnenstube. Der Laden hatte heute geschlossen, sodass wir ganz ungestört waren. Durch die Fenster der Auslage schien diesig das Tageslicht vom wolkenverhangenen Dezemberhimmel hinein. In der Stube brannten einige Kerzen, und aus einem uralten Grammophon dudelte leise ein Musikstück von Frédéric Chopin. Vor uns auf dem kleinen, runden Holztisch standen ein Teeservice aus Porzellan und eine Schachtel Pralinen.

Neugierig sah die Hutmacherin mich an, und lächelte verschmitzt. Es dauerte einen Moment, ehe sich der Redefluss einstellte. Doch ich hatte das Gefühl, dass die Hutmacherin jemand sei, mit dem ich meine Erfahrungen teilen konnte. Und dann sprudelte es nur so aus mir heraus. Ich erzählte ihr von dem Besuch in der Bäckerei und bei den Nachtwächtern auf der Stadtmauer, vom langen Weg in den Wald und den Leuten am See. Bei meinen Schilderungen von der Schönheit des Alten Waldes von Advenzia unterbrach sie mich, und schwelgte in Erinnerungen an ihre Jugend, als sie mit ihren Freunden so manches mal die südlichen Ausläufer des Waldes erkundet hatte. Als ich ihr vom Überfall der Trolle erzählte wirkte die Hutmacherin ernst und besorgt, und murmelte kaum hörbar etwas vor sich hin. Ich erzählte ihr auch von Tomte Haraldson, von Nikolaus und von der Weisen Frau Albrun. Auch von meiner sonderbaren Reise, dem Einbruch ins Eis, und von Atilla und seiner Familie erzählte ich ihr. Nachdem ich meine Schilderungen mit den Erlebnissen in der Schwitzhütte, und meinem abenteuerlichen Rückflug beendet hatte, musterte mich die alte Frau mit festem Blick, und einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen.

Wie ich sehe, hat dir dein Aufenthalt in Advenzia wohl gefallen“, sprach die Alte vergnügt. „Ich freue mich zu hören, dass es dir gelungen ist dein Vorhaben umzusetzen den Alten Wald zu erkunden, und dabei mehr zu erleben, als wohl möglich die meisten der hier lebenden Leute. Und du bist noch gesund und wohl auf! Du musst eine schützende Hand über dir gehabt haben, mein Kind. Schön, schön, schön … Ich hoffe, dass deine Raunachtsträume eben so aufschlussreich sein werden, wie deine Erlebnisse hier in Advenzia.“

Wir sprachen noch lange über Gott und die Welt, und auch dieser Nachmittag bei der Hutmacherin floss dahin, wie damals, als ich das erste Mal bei ihr zu Gast war. Es war ein wunderbarer Ausklang meines Aufenthalts, und ich war etwas wehmütig, als ich mich später am Abend verabschiedete. Morgen früh, so gab ich ihr zu verstehen, würde mein Zug in die Heimat gehen, und somit würde auch mein Aufenthalt hier enden.

Zum Abschied umarmte mich die Hutmacherin noch einmal, und zwar mit einer Kraft, die ich der kleinen alten Frau nicht zugetraut hätte. Ich stand schon auf der Straße, und Schneeflocken wirbelten mir um die Nase, als sie noch einmal das Wort an mich richtete:

Kindchen, eine Sache noch. Sieh es Alatar bitte nach, dass er nicht soviel Zeit hatte mit dir zu erzählen. Er mag dich wirklich. Und er hat ein gutes Herz. Aber er gibt gerne den Unnahbaren. Nun, das ist nun mal seine Eigenart. Mich hat das auch immer auf die Palme getrieben, denn das hat er früher schon gern gemacht, als wir noch jung waren …“

Und bevor ich die Chance hatte etwas zu erwidern, wünschte sie mir lächelnd eine gute Nacht, und ließ die schwere Holztür der Hutmacherinnenstube behutsam mit einem Klacken ins Schloss fallen.