8. Dezember – Auf dem Weg (Advenzia)

8. Dezember

Auf dem Weg“

Meine Nachforschungen hatten ergeben, dass der alte Wald von Advenzia sich nicht unmittelbar vor den Toren der Stadt befand. Vom Wirt der Schenke erfuhr ich, dass sich hinter den alten Stadttoren zunächst ringsherum Felder und Bauernhöfe befänden, welche die Versorgung der Stadt sicher stellen sollten. Einige davon hatte ich bereits vorgestern auf meinem Erkundungsspaziergang entdeckt und mir aus der Nähe angesehen. Daran angrenzen würden dann ringsherum Koppeln für Pferde und Weiden für Vieh. Gefolgt von mehreren kleineren Waldstücken, welche in erster Linie forstwirtschaftlich genutzt wurden, aber schlussendlich auch der Erholung der advenzianischen Bevölkerung dienten. In der Bibliothek hatte ich in Büchern und auf alten Karten zwei Seen entdeckt, welche in dieser Region lagen, sowie weitere kleine Wegposten entlang der Handelsstraßen in die nächst gelegenen Orte im Osten namens ‚Stakau‘ und ‚Goldendid. Leider lag der Wald in genau entgegengesetzter Richtung zu den benachbarten Orten im Westen, welche ich bei meinen ersten Planungen als potenzielle Reiseziele im Umfeld auserkoren hatte. Auch waren es in dieser Richtung keine Herbergen verzeichnet. Aber das störte mich nun, da ich so von der Idee angefixt war, diesen geheimnisvollen Ort zu besuchen, nicht mehr sonderlich.

Über den Wald selbst konnten mir die Leute wenig Konkretes erzählen. Angeblich sei er riesig und uralt, umwoben von Sagen und Märchen, und je nach Gehgeschwindigkeit etwa ein bis eineinhalb Tageswanderungen entfernt. Händler und Reisende passierten auf der Oststraße lediglich seinen Südzipfel, doch diese Straße wurde im Laufe der Zeit auch immer seltener befahren, da es hier häufiger als anderswo zu Überfällen kam. Alle paar Jahre passiere es angeblich sogar, dass ein kompletter Handelszug mitsamt Besatzung verschwinde – aber die Meinungen hierzu gingen weit auseinander. Und natürlich überprüfte ich auch den Wetterbericht, wie vor jeder großen Wanderung. Doch dieser schien vielversprechend zu sein. Nun stand einer Abreise theorietisch gesehen nichts mehr im Wege.

Vom Fernweh ergriffen, begann ich gleich nach dem Frühstück damit meine Sachen zusammen zu suchen. Den wärmenden Schlafsack samt Biwak-Überzug, eine Isomatte, eine Wolldecke, Schneeschuhe, Taschenlampe, eine Thermoskanne mit heißem Tee und ausreichend Proviant, lange Wollunterwäsche und warme Wechselkleidung, Kocher, Topf, Wärmflasche, und noch einiges anderes zusammen. Als ich feststellte, dass mein Rucksack nach dem ersten Packen viel zu schwer für eine lange Wanderung war, nahm ich mir dir Zeit alles noch einmal aus zu packen und einige unnötige oder doppelte Dinge wieder weg zu legen, denn ich hatte vor nur mit dem Nötigsten zu reisen. Den ganzen Vormittag verbrachte ich so mit dem Zusammensuchen meiner Utensilien und dem Packen meiner Ausrüstung.

Da ich die Unterkunft im steinernen Krug bereits für fast vier Wochen im Voraus gebucht hatte, ließ ich mein übriges Gepäck einfach im Zimmer stehen. Für den Fall dass mir etwas Unvorhergesehenes passieren sollte, so dachte ich, wollte ich wenigstens jemandem in Advenzia Bescheid geben. So hinterließ ich an der Rezeption einen kleinen Brief für die Hausleitung, in welchem ich mein Vorhaben kurz erläuterte. Auch meinen Zimmerschlüssel hinterlegte ich dort. Als ich mir bei der Bäckerei noch etwas Proviant besorgte, traf ich auf die Hutmacherin, welcher ich ebenfalls kurz von meiner Absicht den Wald zu besichtigen berichtete. Sie schien erfreut über mein Vorhaben zu sein, und wünschte mir eine Gute Reise.

Nach dem Mittagessen machte ich mich schlussendlich auf den Weg. Nachdem ich die Stadttore passiert hatte, wanderte ich längere Zeit über offene Felder – vorbei an Scheunen, Bauernhöfen und kleineren Gehöften. Das Wetter war klar und herrlich und die Sonne schien den ganzen Tag. Strahlend blauer Himmel auf einer weißen Schneedecke, und keine Wolke weit und breit. Es war windstill, und in der Sonne sogar so warm, dass ich meine Jacke streckenweise ausziehen konnte. Ab und an begegnete ich vereinzelt anderen Wanderern, welche mir auf der Straße entgegen kamen. Ich ließ mir Zeit, denn ich hatte es nicht eilig. Stattdessen wollte ich einen genauen Eindruck von meiner Umgebung gewinnen. Nach einer längeren Rast am Nachmittag wanderte ich noch einige Zeit, bis ich die ersten Wälder erreichte. Bei einem nahe gelegenen Forsthaus erkundigte ich mich nach dem Weg, und setzte ihn bis zum Einbruch der Dunkelheit am späten Nachmittag fort. Mein Lager wählte ich in einer Schutzhütte am Wegesrand. An einer dafür vorgesehenen Grillstelle entfachte ich ein Feuer und kochte mir einen wärmenden Eintopf. Den ganzen Tag über hatte ich die Kälte kaum wahrgenommen, da die Stunden sonnig waren und ich in Bewegung. Doch nun da die Sonne verschwunden war und der Wind bließ, wurde es bedeutend kälter, und ich fröstelte etwas. Nachdem ich mir in der Hütte ein windgeschütztes Nachtlager eingerichtet hatte, brachte ich auf dem verbliebenen Feuer noch einmal Wasser zum kochen, und füllte es anschließend in meine Wärmflasche. So würde ich heute Nacht sicherlich nicht frieren! Schon im Schlafsack liegend holte ich im Schein der Taschenlampe noch einmal die handgezeichnete Karte hervor, welche mir einer der Gäste im steinernen Krug netterweise aufgemalt hatte. Für morgen nahm ich mir vor bis zum nächst gelegenen See zu wandern. Von dort aus war es laut Karte nur noch ein Katzensprung bis zum sagenumwobenen alten Wald.

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